„Spot the Touri“ Text

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Diskussionsveranstaltung zu „Spot the Touri“ // 9. August // 19 Uhr // B-Lage (Mareschstr. 1 /Neukölln)

Touri

In der gegenwärtigen Diskussion um Stadt wird den Tourist*innen eine zentrale Rolle zugeschrieben. Doch wer drückt hier eigentlich wem nach welchen Kriterien den Stempel Touri auf? Folgend sollen daher nicht Tourist*innen im stadtpolitischen Kontext analysiert werden. Vielmehr geht es darum den Touri als eine diskursive Konstruktion zu entlarven, die sich völkischer und xenophober Ressentiments bedient.

Seit nicht allzu langer Zeit haben die Berliner*innen einen neuen Feind für sich entdeckt: die Touris. Aus so unterschiedlichen Spektren wie den Berliner Grünen, die eine Veranstaltung unter dem Slogan „Hilfe, die Touris kommen“ abhielten, und einem „linksradikalen“ Aufruf zur Demonstration am 1. Mai, gegen die „Touristenhorden“, die uns „die Hauseingänge vollkotzen“, auf die Straße zu gehen, tönt der Hass auf den Gast von außerhalb und das nicht nur durch die Pulloveraufschrift „Du bist kein Berliner!“. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze dann mit Stickern wie jenem zum „Touristen Fisten“.
Auch die eigentlichen Profiteur*innen der Berlinbesucher*innen zeigen sich nicht immer erfreut über die neue Kundschaft. So wurde in der Weserstraße in Neukölln an einer Bar ein Schild mit der Aufschrift „No Entrance for Hipsters from the US“ aufgehängt. Mit knapp 17 Millionen Übernachtungen zwischen Januar und September 2011 in Berlin ist tatsächlich wieder ein neuer Besucher*innen-Rekord gefallen. Doch was ist eigentlich so furchtbar an mehr Tourist*innen in der Stadt?
Ein wesentliches Merkmal des Touris ist, dass diese*r nicht „von hier“ ist. Ist er_sie nicht „von hier“, ist er oder sie fremd und damit anscheinend in den Augen der Berliner*innen verdächtig. Verdächtigt wird er_sie unter anderem der Zersetzung des einheimischen Kiezes. Der Touri, so scheint es dem/der xenophoben Anwohner*in, ist Schuld an der Preiserhöhung in der Lieblingskneipe oder am Dichtmachen des Tante Emma Ladens und der anschließenden Eröffnung der Cocktail-Bar. Offensichtlich wird hier eine extrem einfache und daher sehr bequeme Dichotomie aufgebaut: „Wir“ die hier schon lange (?) wohnen gegen „die Fremden“ die auch noch nur für kurze Zeit herkommen und „unser Habitat“ ruinieren.
Diesen „Fremden“ werden bestimmte Merkmale zugeordnet. Zum einen scheinen sie nicht sonderlich intelligent, sondern eher oberflächlich zu sein. Denn meist wird mit einem von Tourist*innen besuchten Ortes die Herabsetzung der kulturellen Qualität dieses Ortes verbunden. Jene „linksradikalen“ Aufrufer*innen meinen, den Tourist*innen gehe es in erster Linie um Alkoholkonsum mit anschließender Distribution des Mageninhaltes in den heimatlichen Kiez. Der zitierte Neuköllner Barbesitzer unterstellt anscheinend besonders US-Amerikanischen Besucher*innen eine einseitige Fokussierung auf den individuellen Style, der nicht zur „Echtheit“ des Kiezes passt. Ähnlich stumpfsinnig äußert sich der Chef der Vermarktungsgesellschaft VisitBerlin, der vor einer „Profanisierung“ und „Disneysierung“ warnt, während sich die Kulturpolitikerin der CDU Monika Grütters sich gegen verkleidete Soldaten am Checkpoint Charlie ausspricht. Auch das Stempeln von Pässen mit DDR-Visastempeln an der Berliner Mauer steht ihrer Meinung nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der ach so schweren deutschen Teilung entgegen. Die Botschaft ist klar: Der dumme, oberflächliche Touri gefährdet unsere deutsche Hochkultur!
Doch woher wissen die selbsternannten Tourismuskritiker*innen wer Touri ist und wer nicht? Wie sieht mensch jemanden auf der Straße an, dass die Person nicht „von hier“ und auch nur kurze Zeit hier ist? Ein solche Einordnung ist schlichtweg unmöglich. So behilft sich manche*r Berliner*in mit der Erkennung der Sprache. Spricht die gesichtete Person zufällig Englisch, Spanisch oder Italienisch, wird die Touri-Schublade im Kopf aufgerissen und die betreffende Person nebst eventuellen Begleiter*innen darin verstaut. Und wenn sich herausstellt, dass die Menschen, die jene Sprachen sprechen, häufig schon sehr lange in Berlin wohnen, wird die Kategorie des Touris kurzerhand erweitert: Nun sind sie „Dauertourist*innen“. Dass es sich dabei um ein vollkommen sinnentleertes Oxymoron handelt, macht deutlich, dass es bei der Touri-Zuschreibung oft lediglich um völkisches Ressentiment gegen einen als bedrohlich empfundenen Kosmopolitismus geht.
Selbstverständlich gehört das Phänomen des Tourismus als Teil kapitalistischer Kulturindustrie kritisch betrachtet. Doch darum geht es im herrschenden Diskurs leider nicht. Denn sollte dies das Ziel sein, so wäre gerade aus „der“ Linken eine Auseinandersetzung mit dem Tourismus der Deutschen, die sich Jahr für Jahr als Reiseweltmeister*innen abfeiern, und deren Verhalten an den Reiseorten, wünschenswert. Oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, mit der Rolle des alternativen Individualtourismus (z.B.: das „Backpackertum“) als Wegbereiter der westlich-kapitalistischen Tourismusindustrie. Aber anstatt die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen, werden Probleme lieber „den Fremden“ zugeordnet.

Und nochmal das gleiche auf Englisch:

In the recent discussion about the city a key role is assigned to tourists. But who is it that sets the criteria who is to become a Touri? The following will not be an analysis of tourists in the context of city politics. The Touri will rather be identified as a discursive construction which follows racial and xenophobic resentments.

Not so long ago Berlin people have discovered a new enemy for themselves: the Touris. Different spectra, like the Berlin Green party who held a meeting under the slogan „Help, the Touris are coming“ and a „left radical“ call for a manifestation at May 1st against „Hords of Touris“ who „puke into our house entrances“, present their hate for the guest from outside not only with the pullover inscription „You are not a Berliner!“. It is carried to extremes by with stickers like „Fist the Tourist“. Even those profiting from visitors to Berlin are not always happy about new customers. A bar in Weserstr. in Neukölln hang a sign saying „No entrance for Hipsters from the US“. With nearly 17 million accomodations between January and September 2011 Berlin has indeed fallen a new visitors record. But what is so awful about Touris in the city?
One essential characteristic of a Touri is that he_she is not „from here“. Is he_she not „from here“ then he or she is strange and with that obviously in the eyes of the Berliner suspicious. He_she is a suspect to disintegrate the native neighborhood. The Touri, so appears it the the xenophobic resident, is to be blamed for the price raising in the favorit pub, or for the closing of the small shop and the subsequent opening of a cocktail bar. Obviously an extremely simple and therefore convenient dichotomy is constructed: „We“ who have lived here for a long (?) time against the „strangers“ who only come here for a short time to ruin „our habitat“.
Certain characteristics can be asscribed to these „strangers“. They do not seem to be very intelligent, but rather superficial. Because often a the cultural downgrading of a certain place is correlated with a Touri visiting this place. Those „left radical“ callers think the Touris want in the first place to consume alcohol and afterwards distribute their stomach contents to the local neighborhood. The quoted Neukölln bar owner implies especially visitors from the US a one sided focus on their indiviual style which does not contribute to the „authenticity“ of the their local neighborhood. Similarly blockheaded comments the head of the marketing company VisitBerlin on the topic. He warns of a „profanisation“ and „disneyisation“ while the Monika Grütters, a CDU politician specialized in culture, speaks out against people dressed up as soldiers at Checkpoint Charlie and the stamping of passports with GDR visa stamps at the Berlin Wall. In her opinion this opposes a serious debate on the oh so difficult German division. The message is clear: The stupid, superficial Touri endangers our German high culture! But how the self-constituted Touri critics know who is a Touri and who is not? How do you assign somebody in the street to be not „from here“? Such classification is simply impossible. So people from Berlin use language. If the sighted person by chance speaks English, Spanish or Italian they are identified as Touris. And if they turn out to have lived in Berlin for a long time, the category for Touris is quickly widened: Now they are „constant Touris“. This oxymoron makes clear that the Touri-assignment is often a racial resentment against a cosmopolitanism sensed as threatening.
The phenomena of tourism as part of a capitalistic industry of culture has to of course be considered critically. But this is unfortunatly not what the prevalent discussion is about. Because if that was the goal, a debate coming from „the“ left about German tourism, who celebrate themselves as traveling world champions, an their behaviour at the travel destinies, would be desirable. Or, to name a further example, the role of alternative individual tourism (e.g. „backpacking“) as a pioneer of Western capitalist tourism industry. But instead of questioning the existing conditions, problems a rather assigned to „the strangers“.


25 Antworten auf „„Spot the Touri“ Text“


  1. 1 Sabine 17. Juli 2012 um 13:51 Uhr

    Welche Position bezieht eigentlich der Autor? Mir fehlt die Auseinandersetzung mit der Ursache des „Problems“. Wie, wo, wie lange wurde recherchiert? Ich finde, den Ansatz interessant, aber eine wirkliche Diskussion wird nicht losgetreten, dafür gibt es zuwenige Fakten, Meinungen, Hintergründe, vielleicht auch Positionen. Ich für meinen Teil kann nur sagen, als alte Westberlinerin hatte man immer schon was gegen „Touris“. Irgendwie fühlte man sich als eingemauerter Mensch als etwas Besonderes und die anderen kamen zum Gucken. Klar, ist das eine blödsinnige Strategie, aber diente einfach nur der Abgrenzung. Nicht böse gemeint.
    Heutzutage find eich es auch nicht richtig, gegen Zugezogene oder (Dauer-)Touris zu sein. KLar muss aber auch sein: Die MIschung macht’s. Zuviel ist immer schlecht. Wir Alteingessenen wollen einfach nicht überrollt werden, unsere Identiät und identitätsstiftende Merkmale müssen erhalten bleiben. Wir fordern sozusagen „Bestandsschutz“. Jeder Umweltschützer könnte das unterschreiben :-)

  2. 2 Theo 18. Juli 2012 um 19:41 Uhr

    Da stehe ich und schleife einen Fußboden, sehe beim arbeiten auf der Straße an einem Elektrokasten dieses Plakat (gräfekiez)
    Immer wieder halten Leute und schauen auf dieses Plakat, sodaß meine Neugier geweckt wurde….
    Also schaue ich genauer hin beim verlassen meiner Baustelle und denke mir..aha..ein neuer Ansatz diese diskrepanz zwischen „Alteingesessenen“ und zugezogenen „Besserbetuchten“ mal zu hinterfragen oder zu beleuchten…
    doch leider weit gefehlt…oder zumindest komme ichnicht weit denn es schreckt mich die Sprache und das verwenden von unsäglich vielen Fremdwörtern ab genauer nachzulesen…denn wer äußert sich denn hier???
    was sind die Ziele…geht es um Verständnis?…dann sollten an Orten wo diese Plakate hängen auch die örtlichen Geflogenheiten berücksichtiget werden um „normalos“ wie mich AUCH zu erreichen. oder soll nur der Hochschulabsolvent mit dem Fremdwörterlexikon in der Hand angesprochen werden?…dann fühl ich mich wie ein TOURI auf dieser Seite……

  3. 3 xxx 24. Juli 2012 um 19:27 Uhr

    Das Argument vom Fremdenhass herauszukramen halte ich für absolut unangemessen. Hört sich natürlich aber immer erstmal schön knallig an. In Wirklichkeit haben wir hier es natürlich mit einem sozialen Problem zu tun.

    Das Gentrifizierung in Kreuzberg stattfindet kann ja kein Mensch leugnen. Dazu gehören steigende Mieten genauso wie Touristen und „junge Kreative“, die hier die mit einem mal aus dem Boden geschossenen Szenecafes bevölkern.
    Das „Ur-Einwohner“ Angst vor der Verdrängung haben, weil sie sich schlicht nicht mehr die Mieten leisten können, die hier mittlerweile verlangt werden und so auch auf alle Anzeichen die damit in Verbindung stehen sensibel reagieren, ist vielleicht verständlich. Das Wut, in Anbetracht der schieren Arroganz von hippen Neuberlinern, die sich mal „so richtig ausleben“, entsteht, vielleicht auch.

  4. 4 Paul 24. Juli 2012 um 19:53 Uhr

    Als wenn sich die Diskusion nur auf Touris beschränken würde. Warum hat der Autor eigentlich nicht jene Menschen erwähnt, die hier herziehen, einfach weil es gerade so en vogue ist? Vielleicht, weil da tatsächlich was im Gange ist? Der Touri ist nur ein Teil der Debatte.

  5. 5 xyz 01. August 2012 um 22:24 Uhr

    Also, ich bin Urberlinerin, hier geboren und aufgewachsen. Ich denke einfach Menschen haben das Recht dort hin zu gehen, wo es ihnen gefällt, würde ich auch machen. Klar ist Gentrifizierung scheiße. Ich weiß auch noch nicht, was ich machen werde, wenn meine Miete derart steigen würde, dass ich sie nicht mehr bezahlen könnte.
    Zu Sabine: Was sind die identitätsstiftenden Merkmale der Urberliner, wer bestimmt das, ich glaube nicht, dass es da einen Konsens gibt.
    Zu xxx: Die Wut sollte sich gegen die Verhältnisse richten und nicht gegen hippe Neuberliner oder Touristen. Wer von uns ist nicht mal Tourist in Barcelona, Rom, Kopenhagen, Amsterdam etc. Wir leben halt in einer interessanten Stadt. Tja, und wie man der Gentrifizierung beikommen kann, weiß ich auch nicht. Die Mieten sind halt im VERHÄLTNIS zum Einkommen zu hoch.

  6. 6 ThomasFhain 06. August 2012 um 12:52 Uhr

    Also mir gehen die Touris ziemlich auf die Nerven, die sich in der Simon-Dach abfüllen und dann die ganze Nacht gröhlend durch Fhain laufen.

    Wer sind diese Touris:
    - Schulklassenfahrten aus den Hostels -> diese sind allerdings meist früh im Bett, trinken nur mäßig und gehen auch mäßig auf die Nerven
    - Berliner Umland und andere Berliner Stadtteile -> die schlimmsten, gröhlend-saufende Leute ohne Mitgefühl dass es auch Leute gibt die unter der Woche zwischen 2 und 7 Uhr etwas Schlaf finden wollen.

    Fazit für mich: Bleibt doch bitte in Neukölln und geht da in eure Kneipen, habt doch jetzt auch genug davon.

  7. 7 G.H. 07. August 2012 um 0:52 Uhr

    Tja Leute!
    Ich war noch nie in Berlin. Gut das ist gelogen: Einmal habe ich einen Umzug gefahren und war wenige Stunden in der noch damaligen Mauerstadt. Ich fand die Ossigrenzpolizistin so ätzend, dass ich mir schwor, nie wieder nach Berlin zu fahren. Die sagte sinngemäß zu mir: Setzen Sie sich mal ordentlich hin in ihrem Auto. Der geballte Spiessermief der DDR drang durch die heruntergelassene Scheibe. Ich wusste mit einem Mal: Das ist die echte, die wirkliche DDR.
    Also in gewisser Weise war ich noch nie dort. Und nichts zieht mich dort hin. Ich wohne eine Autostunde von Frankfurt und meide diese Stadt, wann immer möglich.
    Berlin, das interessiert mich überhaupt nicht. Es ist bedauerlich, dass damals mit den Stimmen der Linken diese Stadt zur Hauptstadt der Republik wurde. Teuer und unnötig. Aber letztlich auch egal. Die Kohle wäre sonst anders versenkt worden.
    Mag sein, das Berlin hip ist und man dort gewesen sein muss: Mir reicht das Feuilleton. Oder das Fernsehen. Oder das Kino. Oder was die Touris so erzählen, wenn sie wieder daheim sind. Und ich sehe kristallklar: Ich brauche das nicht. Berlin Du wirst mich niemals sehen. Danke mir dafür. Oder lass es bleiben. Ist mir och egal. Bleib Insel.

  8. 8 Karla Kater 07. August 2012 um 1:55 Uhr

    Irgendwie finde ich eure Erläuterung selber schon als Problem. Ihr habt anscheinend das Zentrum der Tourismus Kritik aus den Augen verloren! Nach dem Niedergang der industriellen Produktion in Berlin , bleibt unserem Wowi doch nur der boomende Tourismus als Wirtschaftsfaktor und die damit verbundene Gastronomie und Eventkultur. Denkt nur an das Hamburger Manifest „Not in our name“. Hinzu kommt einzig noch die Immobilienwirtschaft und mit ihr auch der Protest. Die Vereinheitlichung der Sozialstruktur in den Kiezen im Stadtzentrum durch Verteuerung der Mieten, Umwandlung in Eigentum mit Rauskauf der Mieter um den Milieuschutz zu unterlaufen. Der als Eigentum teuer erstandene ehemalige Mietwohnraum wird nun überteuert neuvermietet oder eben an Touristen als Ferienwohnungen, Hostels oder Pension vermietet, während die Vertriebenen in den Niedriglohnjobs der Tourismus, Eventfirmen und Gastronomie ackern müssen und sich trotzdem die Wohnungen in der Nähe des Arbeitsplatzes nicht mehr leisten können. Euer Aufruf und die Argumentation führt aufs Glatteis!
    Glatteis, das von anderen bereits betreten wurde – Quartiersmanagement die Aufwertung/ Gentrifizierung der Kieze betreiben und von Winwin Situationen für die Kieze faseln.
    Der Umsatzsteigerung durch Tourismus für einzelne Profiteure, steht ein erheblicher Regulierungsbedarf in den Kiezen gegenüber. Sei es das Problem von nächtlicher Ruhestörung bis zu einer Ballermanisierung des Kiezgewerbes und der Läden. Der sich als Wirtschaftsförderer gebende Senat zieht sich gleichzeitig aus der Verantwortung zurück. Erhalt einer sozialen Mischung im Kiez – nein, Versorgung mit nicht privatisiertem Kultur und Freizeitmöglichkeiten gleich null. Die Stadt ist nicht mehr für ihre Bewohner da, sondern wird in Gewinner und Verlierer segregiert. Eure Antwort ist hierauf ein ziemlich schwaches Verständnis einhergehend mit einem reaktionären Kern – die Gentrifizierungsgegner in eine reaktionäre Ecke zu drängen um ein selbstimmtes Handeln innerhalb der Kieze zu denunzieren.

  9. 9 Jack Beauregard 07. August 2012 um 10:05 Uhr

    Ein großes Danke an Karla Kater!

  10. 10 sunami 07. August 2012 um 22:04 Uhr

    karla kater und xxx ist nichts hinzuzufügen.danke dafür.dem autor des textes rate ich ,mal ein paar nächte in der simon-dach straße oder im görlitzer park oder in einem der anderen brennpunkte durchgeknallter partytouristen zu verbringen.nüchtern.wer hier von xenophobie spricht,versteht nichts von der situation der leute mit wenig geld.etliche leute sind schon gezwungen,ihre wohnungen an touristen teilzuvermieten,um nicht den stadtteil verlassen zu müssen.und das sind nicht solche ,die in anderen ländern den ballermann markieren.in meinem umfeld(kreuzberg) sind viele supermärkte in angebot und preislage auf touristen abgestimmt.ganz zu schweigen von den spätis.

  11. 11 DJ Tüddel 08. August 2012 um 13:22 Uhr

    Also ich meine Tourist_innen wenn dann an ihrem anderen Verhalten in der Stadt zu erkennen, und nicht an irgendwelchen Kriterien des Aussehens – kommen doch die meisten Touris schlicht und einfach aus Westdeutschland. Hinter diesem Touri-Verhalten steht ein anderes Verhältnis zu der Stadt, in der sich jemand bewegt, wenn man auf der Durchreise ist und einen von Reiseführern geleiteten Blick hat. Natürlich gibt es ganz anders handelnde Tourist_innen, so wie es auch innerhalb der „eigenen“ Stadt touristisches Verhalten gibt.

    Auf die Spitze getrieben wäre aber das oben gemeinte Touri-Verhalten das Zoo-Besucher-mäßige Verhältnis zur Stadt und ihren Bewohner_innen. Ich glaube bei den meisten leuten geht das so, dass ihnen am ehesten ein solches touristisches Verhalten auf die Nerven geht. Die konstruktion des Sündenbocks erklärt das aber noch nicht.

    Ich vermute, dass – so sehr xenophobe Ressentiments die verkürzte Debatte bestärken – tatsächlich etwas anderes dahinter steckt. Und dies ist bereits in der verkürzten Gentrifizierungs-Debatte angelegt. Vorherrschend ist nämlich die Ansicht, Gentrifizierung sei ein sozio-kulturelles Phänomen, das von den sogenannten „Pionieren“ angeschoben wird und dann von den „Gentrifiern“ in die Tat umgesetzt wird. Ein Fokussieren auf diese Sichtweise ist aber eine Ausblendung der politischen und ökonomischen Zusammenhänge der Aufwertung, so wie sie Angebot+Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt, eine liberalisierende Wohnungspolitik, finanzkapitalistische Investoren und die Rent-Gap-Theorie erklären können. So ist es kein Wunder, dass derlei verkürzte Gentrifizierungs-Thesen vor allem von liberal eingestellten Leuten vertreten werden – seltsam nur, dass so viele Linke und auch sich als antikapitalistisch Verstehende dies übernehmen.

    So wie für die Aufwertung die „Kreativen“ und die etwas besser Verdienenden verantwortlich gemacht werden, so werden eben für eine Touristifizierung städtischer Räume die Touristen verantwortlich gemacht – zur Entpolitisierung von den einen, und um nicht weiter drüber nachdenken zu müssen und ein einfaches Feindbild zu haben, von den anderen.

    Was kann man aber gegen die Entpolitisierung und die Vereinfachung setzen? Ihr setzt eine berechtigte Kritik an, aber warum setzt ihr sie nicht fort? Warum wollt ihr über die Zurichtung der Stadt auf die Interessen der Tourismus-Industrie nicht sprechen?

    Ich finde euren Ansatz daher vor allem als moralisierend, wo er politisierend sein könnte. Außerdem macht ihr strukturell etwas, was ihr den anderen vorwerft: Durch Konstruktion eines einfachen Feindbildes („alles Rassisten“) innerhalb der Gentrifizierungs-Debatte erhebt ihr euch moralisch über die anderen, ohne euch selbst irgendwo zu den politökonomischen Verhältnissen zu positionieren.

    Letztendlich werden darüber liberale Mittelschichts- und Investoren-Interessen vertreten – jene die der Aufwertung im Rahmen der freien Marktwirtschaft das Wort reden und alle Versuche, etwas dagegen zu unternehmen, als freiheitstötend und autoritär hinzustellen versuchen.

    Warum macht ihr den thematischen Aufschlag nicht so: „Leute, die Kiezarbeit ist wichtig, aber uns macht der xenophobe Ton, der hier und dort gegen Touristen und Neuzuziehende angeschlagen wird, Sorgen. Lasst uns mal zusammensetzen und überlegen, wie wird dem entgegenwirken können.“ Macht ihr aber nicht, sondern positioniert euch ausschließlich abgrenzend, und das auch noch von oben herab im Tonfall der wir-kennen-uns-da-aus-Akademiker_innen. Konstruktiv-kritische Einwürfe sehen anders aus.

    Von daher finde ich das Plakat – so angebracht ich die Debatte um die Personifizierung des Touri-Feindbilds finde – in der vereinfachenden und zuspitzenden Herangehensweise ziemlich anmaßend, und am Problem vorbei steuernd.

  12. 12 uwe 08. August 2012 um 14:32 Uhr

    finde den beitrag von xyz inhaltlich treffend mit einer außnahme:
    “ …Menschen haben das Recht dort hin zu gehen, wo es ihnen gefällt, würde ich auch machen“. eigentlich erstmal richtig, trotzdem muss ich unweigerlich an priviligierte kolonialherren mentalität denken. es kommt halt schon auf die perspektive an. menschen sollten schon an die repercussions auf ihr umfeld achten wenn sie sich irgendwo nieder lassen und geschäfte aufmachen etc.
    @ karla kater: es geht ja gar nicht darum die kritik und den widerstand gegen gentrifizierung weg zu dissen. aber in dem jargon den ich so mitbekomme geht es echt meistens nur um „die fremden“ wegen denen hier alles schlechter wird, anstatt das soziale- oder klassenfragen aufgemacht werden. ich hab auch meine bauchgefühl feindbilder aber das sind indifferente yuppies und bonzen. nicht touristen, leute, die mit erfrischend guter laune und geld daher kommen statt den sonst chronisch überarbeiteten und unterbezahlten alle-gegen-alle-krieg hassfratzen die hier wohnen (egal ob schon immer oder zugezogen).
    ich bin punkrocker und nach berlin gezogen weil hier (zumindest früher) der jobcenter terror leicher zu ertragen war. und wenns nicht grade auf deutsch ist hab ich auch nicht so große probleme mit leuten die saufen, grölen und spass haben. die nazibauarbeiter die morgens um 7 anfangen das haus gegenüber luxus zu sanieren gehen mir viel mehr auf die nerven.
    finde der „spot the touri“ text sollte als kritische bereicherung im widerstand gegen gentrifizierung verstanden werden, nicht als angriff auf diese (typisch deutsches bipolares feindbild schema).
    und im endeffekt werden wir bei jeder form sozialen protestes nicht umhinkommen die eigentumsfrage zu stellen. da hat karla mit der segregierung zwischen gewinnern und verlieren schon ganz recht. aber xenophobe feindbilder sind da nicht hilfreich sondern lenken nur vom eigentlichen problem ab.
    nur meine 50cents was mir grad so einfällt – kein dogmatisches pamphlet!

  13. 13 sunami 08. August 2012 um 19:18 Uhr

    wie diskussionsfreudig ist das denn-kommentare werden hier gelöscht !!?? da wird es ja spannend am 9.8.

    Anmerkung: Kommentar ist im Spam-Karma gelandet. Das ist halt ein technisches Problem.

  14. 14 jjjulia 14. August 2012 um 10:48 Uhr

    so, jetzt mal ein kommentar von einer kölnerin und gelegentlichen besucherin berlins.

    ich möchte gern einen vergleich anbringen mit der indischen quasi-hauptstadt mumbai.

    dort ist nämlich eine regierung an der macht, die den lokalpatriotismus fördert und aktiv zugezogene aus anderen landesteilen ausgrenzt (z.b. durch die pflicht, öffentliche einrichtungen in der lokalen sprache, marathi, zu benennen und nicht in der allen indern gemeinsamen sprache hindi, sowie die pflicht, in der im schulunterricht marathi zu sprechen). daraus resultieren nachteile für zugezogene nicht nur wenn es um wohnraum geht, sondern auch in der versorgung mit bildung, infrastruktur, und der möglichkeit, seinen lebensunterhalt zu verdienen. die haben viele inder in ihren ländlichen heimatregionen nämlich nicht.

    sie kommen nach mumbai, um der armut zu entfliehen und sich und ihren kindern ein besseres leben aufzubauen, und die lokalnationalistische regierung setzt alles daran, ihnen das so schwer wie möglich zu machen, und zwar nachhaltig.

    da liegt der vergleich zur fremdenfeindlichkeit wirklich sehr nahe.

    nun ist das natürlich ein etwas krasseres beispiel, als es in berlin der fall ist. wir haben in deutschland nur eine sprache und das land ist auch wesentlich kleiner und, ich wage zu behaupten, weniger kulturell divers. aber berlin ist auch MEINE hauptstadt und hat wie alle städte die funktion als plattform, ideen zu katalysieren und das land als ganzes voranzubringen.

    ich glaube, ich habe ein recht, davon teil zu wenn ich will und, ganz nebenbei, auch etwas dazu BEIZUTRAGEN. genauso wie jeder wirtschaftlich frustrierte berliner sich jederzeit einen gutbezahlten job im schönen süddeutschland suchen darf, wenn er denn möchte. oder in der schweiz oder den usa oder wo auch immer.

  15. 15 slj 31. August 2012 um 13:24 Uhr

    Coole Aktion!
    Bin hier geboren und liebe Touristen! Habe noch die Zeiten in Erinnerung, als es kaum welche gab – naja, relativ… Die Stadt war damals sehr viel langweiliger!
    Heute ist es hier sehr viel bunter, außerdem kommt man mit vielen Touris leicht ins Gespräch, hört spannende Geschichten, auch mal andere Meinungen zum Leben, zur Welt, zur politischen/ökonomischen Lage… Klar gibts auch etliche, die sich „danebenbenehmen“, aber da fallen mir auch genug Berliner ein. Davon abgesehen bringen sie einfach Geld in die Stadt. Ich kenne jede Menge Leute, die auf diese Einnahmen und die Jobs daraus angewiesen sind – und zu meinem Bekanntenkreis gehören keine Vermieter und Hotelbesitzer… Die meisten Touristen, die ich erlebe, sind entspannte und freundliche Leute, die hier einfach eine schöne Zeit verleben wollen.
    Die Gentrifizierung gerade ihnen anhängen zu wollen, finde ich albern, dagegen helfen nur Regulierungen, die von den Bezirksämtern bzw. dem Senat beschlossen werden müssen. Aber um dass zu erreichen, muss man politisch aktiv werden, gerade weil die Interessengruppen, die von Gentrifizierung profitieren selbst sehr rührig sind und außerdem – finanziell gesehen – klar im Vorteil. Politiker entgegengesetzt zu beeinflussen braucht langen Atem, Zeit und – mangels Geld – Phantasie und Kreativität.
    Da ist touri-Bashing natürlich sehr viel einfacher und bequemer; nur ändert sich dadurch nichts am Problem…

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